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23. August 2016 - Yvonne Hagenbach

Und jetzt alles noch einmal in Grün

»Nur hübsch machen reicht nicht«[1], sagt Karin-Simone Fuhs, Gründerin der Akademie für Ökodesign. Und doch ist der Alltag vieler Designer der, dass sie erst in Prozesse eingebunden werden, wenn es nur noch darum geht, dem »Haus einen Anstrich zu geben«. Ein Erklärungsversuch.

Als ich begann mich für Design zu interessieren, hat man zu Designern aufgrund ihres Könnens aufgeschaut. Dann kamen die Computer, das Internet, freie Software und jeder konnte per Youtube-Video in Minuten lernen, wie man sich einen Flyer selbst setzt. Das Kernproblem ist damals wie heute das Gleiche: Das Umsetzen wird gutem Design gleichgesetzt, ist jedoch nur das Resultat in der Tätigkeit eines Designers. Doch auf handwerkliches Können werden sie nun zurückgeworfen. Und da dies kein Alleinstellungsmerkmal mehr ist, verliert die Tätigkeit der Designer an Wertschätzung. Dabei ist sie so viel mehr als das.

Es heißt nicht umsonst Design-Leistung

Der Meinung eines Statikers, der in den Entwurfsprozess eines Gebäudes miteinbezogen ist, würde man wohl kaum widersprechen und seine Arbeit schon gleich gar nicht von Fachfremden durchführen lassen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Designtätigkeiten in vielen Unternehmen an vorhandene Mitarbeiter ohne profundes Wissen delegiert werden und manchmal kann man dem Ergebnis eine professionelle Ästhetik noch nicht einmal absprechen. Ein Beispiel aus meiner eigenen Praxis zeigte mir, dass es bereits beim Verständnis für die schöpferische Tätigkeit hapert. Als ein Entwurf eines Bildmotivs von mir zu teuer war, um ihn für weitere Anwendungen zu kaufen, ließ die Firma diesen von einem anderen Gestalter nachbauen und konnte in etlichen Diskussionen nicht nachvollziehen, dass meine Idee mit ihrer verbundenen Markenwirkung nicht das gleiche ist wie die rein handwerkliche Kopie dessen.

Gesehen wird also allein das Gegenständliche. Die meisten Designer verstehen ihre eigentliche Tätigkeit jedoch nicht (allein) als Handwerk, es ist viel mehr das über das Projekt hinausgehende Denken. Heute geht es mehr denn je darum, sich als ein Teil eines weltpolitischen Ganzen zu verstehen, so dass Lösungen auf ausgetretenen Pfaden wohl kaum mehr zu finden sind. Vermehrt sehen auch Designer die sozialen und umweltpolitischen Einflüsse, die gesellschaftlichen Aspekte und das Wissen um die Rolle des Designs für unser aller Zukunft. Als Konsumenten sind wir heute mehr denn je gefordert, uns mit der Notwendigkeit unseres Konsums auseinanderzusetzen. Auf unserer Seite der Welt herrscht Überfluss, der nur auf Kosten von Lebensqualität der anderen Seite möglich ist. Umso mehr dies erkannt wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass Produkte und Marken hinterfragt werden. »Es ist eine Welt, in der aus Konsumenten emanzipierte Bürger werden, in der mit den Methoden des Designs Zusammenhänge hinterfragt und jedes Handeln in seinen Wirkungen betrachtet werden.«[2] Und genau an dieser Stelle hilft ein hübscher Flyer allein nicht mehr weiter.

Ich Designer – Wir Designer

Designer stehen als professionelle Problemlöser in den Startlöchern. Bereits in Entwicklungsprozesse miteinbezogen, könnten sie frühzeitig alternative Wege erkennen, Produkte oder Marken sogar in eine ganz andere Richtung lenken. Doch dieses Wissen wird in vielen Unternehmen nicht abgefordert, weil das Potential nicht erkannt wird. Das liegt einerseits an der Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Mentalität und andererseits an dem noch geringen Druck sich Änderungen öffnen zu müssen. Und zu guter Letzt auch an den Designern selbst, denn die meisten sind nicht-organisierte Einzelkämpfer und werden daher übersehen.[3] Wenn beispielsweise ein Anwalt auf eine Party kommt und vom Gastgeber auf die Anwesenheit anderer Anwälte hingewiesen wird, kommt es vermutlich dazu, dass diese sich unterhalten und austauschen. Bei Designern – so meine häufigste Erfahrung – kann man beobachten, wie der weiteste Abstand gesucht wird. Früher habe ich dieses Prinzip sogar selbst vollzogen ohne heute genau sagen zu können wieso. Womöglich Revierkämpfe oder die Angst vor banalem Austausch, weil die Masse an Designern doch so viel Triviales auf den Markt geschleudert hat. Nach langjähriger Selbstständigkeit und der Erfahrung eines anderen Studiengangs, der darauf angelegt ist, in Teams zu arbeiten, wurde mir klar, dass viele Kämpfe um Budgets oder Bedeutung einfacher wären, wenn sich Designer genauso verknüpfen würden wie andere Berufsgruppen es schon von jeher tun. Durch 8-jähriges Betreiben eines Co-Working-Spaces ist mir leider bewusst geworden, dass so ziemlich jeder mediale Beruf Anschluss generiert, nur Designer nicht. Es ist mir heute mehr denn je ein Rätsel, warum gerade ein Beruf, der so auf umfassende Sichtweisen und Wissen fußt, seine Zugehörigen dazu bringt, lieber für sich allein vor sich hin zu »wursteln«.

Doch auch hier vertraue ich auf den gesellschaftlichen Wandel. Es bilden sich immer mehr Netzwerke, nicht jeder kämpft mehr für sich allein. Aber auch Design Thinking wird in den Chefetagen »entdeckt« und ist ein auf Design-Methoden basierender Innovationsprozess, der stark auf kollaborativer und wissensübergreifender Zusammenarbeit beruht. Bei sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten wird es auch allerhöchste Zeit, das Konzepte gemeinsam gedacht und entwickelt werden. Ich bin mir sicher, dass es Gleichdenkende gibt, die genauso wollen, dass Design als das wahrgenommen wird, was es ist: Die Möglichkeit eine neue Sicht zu finden, Dinge zu ändern und im Optimalfall zu verbessern. Mit den Umbruchgestaltern habe ich bereits neun Menschen gefunden, die meine Ideale teilen. Und wo neun sind, sind noch mehr.

[1] enorm, Ausgabe 05, Nov/Dez 2014: 23
[2] enorm, Ausgabe 05, Nov/Dez 2014: 26
[3] Vgl. BDG Honorar- und Gehaltsreport 2012 und 2014; Download unter: http://presse.bdg-designer.de/BDG_Gehaltsreport_2012.pdf,
http://wp.bdg-designer.de/wp-content/uploads/2015/06/Honorar_und_Gehaltsreport_Design_2014_ES.pdf

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