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27. September 2016 - Sonja Vandrei

Nur Mut, Designer

Immer häufiger nehme ich eine massive Unzufriedenheit unter Designern wahr. Dabei geht es oft um fehlende Anerkennung für die eigene Arbeit und eine schlechte Bezahlung von Designleistungen. Was können wir tun? Ein persönlicher Mutmacher, sich des eigenen Selbstverständnisses bewusst zu werden, darüber zu reden und danach zu handeln.

Auftakt

In dieser Woche stolperte ich auf Facebook über die Liste »Zwölf Dinge, die ich einem Grafikdesigner niemals sagen sollte«. Darin geht es um für Designer unangemessene Kundenwünsche. »Kannst du nicht verschiedene Varianten vorbereiten? Wenn ich es sehe, kann ich es mir besser vorstellen.« »Logisch, und dann möchtest du noch eine weitere, die alle anderen irgendwie vereint«, reagiert die Designerin etwas sarkastisch auf die Bitte ihres Auftraggebers. Recherchiere ich im Internet, finde ich schnell weitere Listen dieser Art.

Christian Büning, Diplom-Designer und Vizepräsident des BDG (Berufsverband der Deutschen Kommunikationsdesigner), kommt in seinem Artikel »Wir sind gestört. Zur Lage der Designer in Deutschland« zu dem Ergebnis, dass Designer Menschen mit »einer Wahrnehmungsstörung« seien, die sich durch »Übungen in Selbsteinschätzung und eine behutsame Umbewertung von Arbeit« entstören ließe. Die Kommentare zu dem Artikel machen deutlich, dass die meisten Leser dankbar für seine »klaren« Worte sind.

Versetze ich mich beim ersten Beispiel in die Lage des Auftraggebers wäre ich verärgert, wenn die Designerin in dieser Art auf meine Bitte reagieren würde. Hinter dieser Bitte kann sich eine Unsicherheit verbergen, die mir die Designerin nehmen könnte, wenn sie mir nachvollziehbar erklärt, warum ein Entwurf ausreichend ist.

Als Designerin wiederum sehe ich wenig Sinn darin, mich an einer Diskussion wie der von Christian Büning angestoßenen zu beteiligen. Oder sind Sie offen und unvoreingenommen bei einem Gespräch, wenn ich Sie zur Begrüßung erst mal als »gestört« bezeichne, um Ihnen im weiteren Verlauf unseres Gesprächs zu sagen, dass Sie unter »einer Wahrnehmungsstörung« leiden und »Übungen in Selbsteinschätzung« benötigen?

Perspektive wechseln

Der Wunsch nach Anerkennung ist in uns allen vorhanden, egal ob in der eigenen Familie, unter Freunden oder im Beruf. Das schließt eine Anerkennung in Form einer angemessenen Bezahlung für mich als Designerin mit ein.

Die oben genannten Beispiele, machen für mich deutlich, dass weder die eine noch die andere Reaktion hilft, Designer vor schlechter Bezahlung, fehlender Wertschätzung oder Altersarmut zu bewahren beziehungsweise von Auftraggebern als Partner auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden.

Die eigene Haltung erkennen

Rede ich dauernd über die fehlende Wertschätzung meiner Arbeit und die schlechte Bezahlung, werden diese über kurz oder lang zu meiner Realität. Das zeigt der Artikel »Die Macht der bösen Gedanken« von Kristin Raabe, veröffentlicht beim Deutschlandfunk in der Rubrik Wissenschaft im Brennpunkt.

Werde ich mir jedoch dessen bewusst, was mich und meine Arbeit besonders macht, und spreche ich darüber, finde ich Menschen, die ähnlich empfinden und das zu schätzen wissen. Die eigene Haltung zu erkennen und zu zeigen erfordert Mut. Um sie zu leben, helfen ein respektvoller Umgang und die Bereitschaft, sich auf andere Ansichten einzulassen.

Seit knapp drei Jahren praktizieren wir Umbruchgestalter diesen Umgang miteinander. Das ist nicht immer leicht. Wir sind acht Individuen und jeder von uns hat seine persönlichen Erfahrungen, seine Werte und seine eigene Art, Dinge anzupacken. Diese Unterschiede anzuerkennen und zu respektieren ist das Fundament, auf das wir bauen. Unsere gegenseitige Wertschätzung und unser gemeinsames Anliegen bringen uns voran.

Für eine angemessene Diskussionskultur

Nur Mut, Designer. Unser Beruf bietet so viele Möglichkeiten, die wir ausschöpfen können. Lasst uns offen mit Kritik und Anmerkungen umgehen und eine konstruktive Diskussion pflegen. Wenn mein Gegenüber mich nicht versteht, habe ich vielleicht noch nicht die richtigen Worte gefunden.

Indem wir unsere Aufmerksamkeit auf das lenken, was gut funktioniert, und achtsam miteinander umgehen, erschaffen wir uns einen Raum, in dem wir ohne Vorbehalte unsere Meinung äußern können. Das gibt uns Sicherheit im Umgang mit anderen, verschafft uns den gewünschten Respekt und stärkt unser Selbstvertrauen.

Jürgen Siebert, Marketing Direktor bei Monotype, mahnt in seinem Kommentar Sieberts Betrachtungen (PAGE 02.16) eine »Besonnenheit gegen Stimmungsmache« und nimmt Bezug auf die derzeitige Diskussionskultur im Netz. »Vielleicht müssen wir noch einmal neu lernen […] Debatten konstruktiv zu Ende zu führen.« Vielleicht.

Vielleicht hilft es aber auch schon, dass wir offen und unvoreingenommen das Gespräch suchen, zuhören und Fragen stellen. Für mich gilt: Wenn wir etwas verbessern wollen, liegt es an uns, den ersten Schritt zu machen. Wenn nicht wir, wer sonst?

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23. August 2016 - Yvonne Hagenbach

Und jetzt alles noch einmal in Grün

»Nur hübsch machen reicht nicht«[1], sagt Karin-Simone Fuhs, Gründerin der Akademie für Ökodesign. Und doch ist der Alltag vieler Designer der, dass sie erst in Prozesse eingebunden werden, wenn es nur noch darum geht, dem »Haus einen Anstrich zu geben«. Ein Erklärungsversuch.

Als ich begann mich für Design zu interessieren, hat man zu Designern aufgrund ihres Könnens aufgeschaut. Dann kamen die Computer, das Internet, freie Software und jeder konnte per Youtube-Video in Minuten lernen, wie man sich einen Flyer selbst setzt. Das Kernproblem ist damals wie heute das Gleiche: Das Umsetzen wird gutem Design gleichgesetzt, ist jedoch nur das Resultat in der Tätigkeit eines Designers. Doch auf handwerkliches Können werden sie nun zurückgeworfen. Und da dies kein Alleinstellungsmerkmal mehr ist, verliert die Tätigkeit der Designer an Wertschätzung. Dabei ist sie so viel mehr als das.

Es heißt nicht umsonst Design-Leistung

Der Meinung eines Statikers, der in den Entwurfsprozess eines Gebäudes miteinbezogen ist, würde man wohl kaum widersprechen und seine Arbeit schon gleich gar nicht von Fachfremden durchführen lassen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Designtätigkeiten in vielen Unternehmen an vorhandene Mitarbeiter ohne profundes Wissen delegiert werden und manchmal kann man dem Ergebnis eine professionelle Ästhetik noch nicht einmal absprechen. Ein Beispiel aus meiner eigenen Praxis zeigte mir, dass es bereits beim Verständnis für die schöpferische Tätigkeit hapert. Als ein Entwurf eines Bildmotivs von mir zu teuer war, um ihn für weitere Anwendungen zu kaufen, ließ die Firma diesen von einem anderen Gestalter nachbauen und konnte in etlichen Diskussionen nicht nachvollziehen, dass meine Idee mit ihrer verbundenen Markenwirkung nicht das gleiche ist wie die rein handwerkliche Kopie dessen.

Gesehen wird also allein das Gegenständliche. Die meisten Designer verstehen ihre eigentliche Tätigkeit jedoch nicht (allein) als Handwerk, es ist viel mehr das über das Projekt hinausgehende Denken. Heute geht es mehr denn je darum, sich als ein Teil eines weltpolitischen Ganzen zu verstehen, so dass Lösungen auf ausgetretenen Pfaden wohl kaum mehr zu finden sind. Vermehrt sehen auch Designer die sozialen und umweltpolitischen Einflüsse, die gesellschaftlichen Aspekte und das Wissen um die Rolle des Designs für unser aller Zukunft. Als Konsumenten sind wir heute mehr denn je gefordert, uns mit der Notwendigkeit unseres Konsums auseinanderzusetzen. Auf unserer Seite der Welt herrscht Überfluss, der nur auf Kosten von Lebensqualität der anderen Seite möglich ist. Umso mehr dies erkannt wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass Produkte und Marken hinterfragt werden. »Es ist eine Welt, in der aus Konsumenten emanzipierte Bürger werden, in der mit den Methoden des Designs Zusammenhänge hinterfragt und jedes Handeln in seinen Wirkungen betrachtet werden.«[2] Und genau an dieser Stelle hilft ein hübscher Flyer allein nicht mehr weiter.

Ich Designer – Wir Designer

Designer stehen als professionelle Problemlöser in den Startlöchern. Bereits in Entwicklungsprozesse miteinbezogen, könnten sie frühzeitig alternative Wege erkennen, Produkte oder Marken sogar in eine ganz andere Richtung lenken. Doch dieses Wissen wird in vielen Unternehmen nicht abgefordert, weil das Potential nicht erkannt wird. Das liegt einerseits an der Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Mentalität und andererseits an dem noch geringen Druck sich Änderungen öffnen zu müssen. Und zu guter Letzt auch an den Designern selbst, denn die meisten sind nicht-organisierte Einzelkämpfer und werden daher übersehen.[3] Wenn beispielsweise ein Anwalt auf eine Party kommt und vom Gastgeber auf die Anwesenheit anderer Anwälte hingewiesen wird, kommt es vermutlich dazu, dass diese sich unterhalten und austauschen. Bei Designern – so meine häufigste Erfahrung – kann man beobachten, wie der weiteste Abstand gesucht wird. Früher habe ich dieses Prinzip sogar selbst vollzogen ohne heute genau sagen zu können wieso. Womöglich Revierkämpfe oder die Angst vor banalem Austausch, weil die Masse an Designern doch so viel Triviales auf den Markt geschleudert hat. Nach langjähriger Selbstständigkeit und der Erfahrung eines anderen Studiengangs, der darauf angelegt ist, in Teams zu arbeiten, wurde mir klar, dass viele Kämpfe um Budgets oder Bedeutung einfacher wären, wenn sich Designer genauso verknüpfen würden wie andere Berufsgruppen es schon von jeher tun. Durch 8-jähriges Betreiben eines Co-Working-Spaces ist mir leider bewusst geworden, dass so ziemlich jeder mediale Beruf Anschluss generiert, nur Designer nicht. Es ist mir heute mehr denn je ein Rätsel, warum gerade ein Beruf, der so auf umfassende Sichtweisen und Wissen fußt, seine Zugehörigen dazu bringt, lieber für sich allein vor sich hin zu »wursteln«.

Doch auch hier vertraue ich auf den gesellschaftlichen Wandel. Es bilden sich immer mehr Netzwerke, nicht jeder kämpft mehr für sich allein. Aber auch Design Thinking wird in den Chefetagen »entdeckt« und ist ein auf Design-Methoden basierender Innovationsprozess, der stark auf kollaborativer und wissensübergreifender Zusammenarbeit beruht. Bei sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten wird es auch allerhöchste Zeit, das Konzepte gemeinsam gedacht und entwickelt werden. Ich bin mir sicher, dass es Gleichdenkende gibt, die genauso wollen, dass Design als das wahrgenommen wird, was es ist: Die Möglichkeit eine neue Sicht zu finden, Dinge zu ändern und im Optimalfall zu verbessern. Mit den Umbruchgestaltern habe ich bereits neun Menschen gefunden, die meine Ideale teilen. Und wo neun sind, sind noch mehr.

[1] enorm, Ausgabe 05, Nov/Dez 2014: 23
[2] enorm, Ausgabe 05, Nov/Dez 2014: 26
[3] Vgl. BDG Honorar- und Gehaltsreport 2012 und 2014; Download unter: http://presse.bdg-designer.de/BDG_Gehaltsreport_2012.pdf,
http://wp.bdg-designer.de/wp-content/uploads/2015/06/Honorar_und_Gehaltsreport_Design_2014_ES.pdf

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25. Juli 2016 - Joachim Kobuss

Umbruch im Designbereich

Über die Wirkungsrelevanz einer partnerschaftlichen Initiative in Zeiten gesellschaftlicher, kultureller, politischer und wirtschaftlicher Herausforderungen.

Zusammenbruch oder Durchbruch?

Der ungarische Autor, Systemtheoretiker und Wissenschaftsphilosoph Ervin Laszlo hat in seinem Buch »Macroshift« (USA 2001/D 2003) eine »Chaossprungphase des weltweiten Macroshift« prognostiziert – »ausgelöst durch extreme Belastungen infolge politischer Konflikte, Anfälligkeit der Wirtschaft, gesellschaftlicher Unsicherheit, finanzieller Volatilität und wachsender Probleme mit dem Klima und der Umwelt.« Er schrieb: »Die fortschreitende Globalisierung der Wirtschaft verbunden mit intensiverem Kontakt völlig uneinheitlich ausgeprägter Kulturen und Gesellschaften drängt zu einer unabdingbaren Entscheidung. Wenn die ab 1860 in Gang gesetzten und ab 1960 beschleunigten Abläufe unverändert andauern, wird der weltweite Zusammenbruch folgen.«

Er folgert aber auch, dass das Wesen der daraus hervorgerufenen Transformation nicht schicksalhaft ist und es in einem chaotischen System alternative Evolutionspfade gibt. Zwei Möglichkeiten zog er in Betracht:
Eine Zusammenbruchsperiode ab 2010 – »Sturheit und mangelnde Voraussicht werden zu Belastungen führen, welche die bestehenden Institutionen nicht länger aushalten können. Konflikte brechen aus, die Gewalt und Anarchie nach sich ziehen.« Eine Durchbruchsperiode ab 2010 – »Ein neues Denken mit angepassteren Werten und einem weiterentwickelten Bewusstsein katalysiert die Kreativität in der Gesellschaft. Menschen und Institutionen lernen, den weltweiten Macroshift zu navigieren und die durch unreflektierte Begeisterung für Technologie, Wohlstand und Macht entstandenen Belastungen zu meistern. Ein neues Zeitalter bricht an: das Zeitalter einer friedlichen und nachhaltigen Kultur […]«

Welchen der beiden Pfade wir gehen werden, ist in Anbetracht jüngster Ereignisse ungewiss. Aber die Chance zum Durchbruch besteht!

Umbruch gestalten!

Unsere partnerschaftliche Initiative versteht sich als Umbruchgestalter, mit dem Ziel, Chancen zu nutzen und einen Beitrag zum Durchbruch zu leisten – regional mit überregionaler Ausstrahlung.

Wir fingen damit klein an und haben uns die Zeit genommen, zu wachsen – nicht quantitativ sondern qualitativ. Vor allem in unserer Zusammenarbeit, in unserer Kommunikation. Das heißt, wir haben uns von Anbeginn unsere Unterschiedlichkeit bewusst gemacht – zehn Individuen, die sehr verschieden sind, weit davon entfernt, homogen zu sein. Wir haben in einem dialogischen Prozess genau dieser Individualität Raum gelassen, uns kennen, respektieren und vor allem aushalten gelernt. Und weil wir dies haben reifen lassen, hat sich uns fortwährend das Gemeinsame gezeigt. Dieses uns Verbindende ist mehr als vorher ersichtlich war. Unser wertvollstes Gut ist unsere Heterogenität, mit der wir gelernt haben, leben und arbeiten zu können. Auf dieser Basis waren/sind wir mehr und mehr in der Lage unsere Kommunikation dialektisch zu erweitern, das Gemeinsame in den Mittelpunkt zu stellen, ohne in Gefahr zu laufen, von unserer Unterschiedlichkeit überrascht und blockiert zu werden.

Wir haben das über mehr als zwei Jahre regelmäßig geübt und weiterentwickelt, haben in dieser Zeit unser Selbstverständnis und unsere Haltung definiert, Utopien und Ziele formuliert. Und wir haben ein erstes Austauschformat entwickelt – unseren DENKRAUM.

Nun ist die Zeit gekommen damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir wollen darüber informieren, dass es uns gibt, welche Erfahrungen wir gemacht haben und was uns bewegt, den Umbruch aktiv zu gestalten.

Wir wollen allen Interessierten sagen, dass es möglich ist, trotz aller Unterschiedlichkeit – oder gerade deswegen – Chancen gemeinsam wahrzunehmen, diese zu interpretieren, sie zu visualisieren und umzusetzen.

Wir wollen zeigen, was Designer_innen zu leisten vermögen und welchen Wert sie für unsere Kultur, unsere Gesellschaft haben.

Wir wollen alle einladen, mitzumachen und uns gemeinsam zu einem neu gedachten Umbruch verhelfen. Ja uns allen – berufliche und nichtberufliche Designer_innen. Sie!

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